Alltag einer Hebamme in Zeiten von Corona

Alltag einer Hebamme in Zeiten von Corona

Gerlinde Wascher-Ociepka, Hebamme /MSc Healthcare Management

berichtet über den „Alltag einer Hebamme in Zeiten von Corona“

 

Hebammen sind immer, aber gerade jetzt vor große Herausforderungen gestellt. Es ist für die meisten von uns Menschen das erste Mal, dass es eine Pandemie solchen Ausmaßes gibt. Demzufolge herrschte auch zu Beginn erst einmal große Verunsicherung. Wie können die Frauen/Familien durch die Hebamme betreut werden? Wie schützt sich die Hebamme selbst? Wie sieht es mit der notwendigen Schutzausrüstung aus? Fragen über Fragen.

„Hebammen gelten als systemrelevante Berufsgruppe im Gesundheitssystem, doch keiner fühlt sich so richtig für unsere Fragen und Problemstellungen im Umgang mit Corona zuständig. Zudem decken die Coronazulagen den Mehrbedarf für Schutzkleidung und -ausstattung leider bei weitem nicht ab“, so Hebamme Wascher-Ociepka.

Neue Normalität: Betreuung auf Abstand

Die Schwangeren sind natürlich ebenfalls verunsichert und haben Angst vor einer möglichen Infektion und den Folgen für ihr Baby. Sie klammern sich an den Ultraschall und haben doch so viele Fragen. Diese beantworte ich in meiner Sprechstunde: „Ich fasse den Bauch an und erkläre der werdenden Mama, was sie bewegt“.

Das für die Untersuchung im Vorfeld notwendige Corona-Prozedere ist dabei inzwischen schon fast zur Normalität geworden: Hygienemaßnahmen durchführen, Corona-Abfragebogen ausfüllen und so weiter. Alle Termine werden so gelegt, dass die Schwangeren sich nicht begegnen.

Je nach aktueller Besuchsregelung verlassen die Frauen möglichst früh die Geburtsklinik. Dadurch muss eine deutlich höhere Anzahl an Wochenbettbesuchen durch die Hebamme abgefangen werden. Und diese notwendige Betreuung im frühen Wochenbett, wie z. B. Gebärmutter abtasten, stillende Brust untersuchen, Nabelversorgung beim Baby, kann die Hebamme nur in Präsenz und leider nicht digital leisten. Auch bei den Besuchen in der Familie müssen die Hygieneregeln verlässlich eingehalten werden, denn es gilt Mutter und Kind, aber auch die Hebamme zu schützen. Deswegen sollte vor dem Besuch der Hebamme der Raum gut gelüftet worden sein, ein eigener Stift für die Quittierung des Besuchs bereitliegen und der Schnutenpulli (Mund-Nase-Bedeckung) gut sitzen. Toll wäre zudem, wenn nur Mama und Baby im Raum wären. „Aber das klappt halt nicht immer. Gerade beim ersten Kind möchte der Papa mit dabei sein und bei Alleinerziehenden lassen sich auch die Geschwisterkinder meist nicht vom Zuschauen abbringen. Deswegen ist besondere Vorsicht geboten und die Abstandsregeln müssen konsequent eingehalten werden.“

Hebammenarbeit im Homeoffice?

Hebammen sollten möglichst über Video-Telefonie, Video-Konferenz arbeiten, so die Empfehlung. Doch dies gestaltet sich nach Meinung der Hebammen in der Realität sehr schwierig. Mal abgesehen von den Vorgaben des Datenschutzes und der Notwendigkeit schriftlicher Behandlungsbestätigungen, ist die Tätigkeit der Hebamme eben oftmals sehr intim und erfordert die Nähe zur Schwangeren bzw. zur frisch gebackenen Mutter.

Zudem sind die Auflagen für einen Online-Kurs der Hebammen besonders hoch, da immer auch ein besonderes Augenmerk auf die haftungsrechtliche Seite der Hebammentätigkeit gelegt werden muss.

Rein freiberufliche Hebammen haben hohe Umsatzeinbußen

Der Hebammenlandesverband NRW hat unlängst in einer Befragung von Hebammen folgende Zahlen erhoben: Die finanziellen Einbußen wegen der Corona-Krise liegen bei der Schwangerenbetreuung bei 46 Prozent, bei der Wochenbettbetreuung bei 37 Prozent. Der Ausfall aus der Kurstätigkeit liegt bei 100 Prozent, sofern keine digitalen Kurse angeboten werden.

Das einzig Positive der Krise für junge Mütter und Familien

In der Corona-Krise ist es wichtiger denn je, Schwangere, frischgebackene Mütter und Familien bestmöglich zu betreuen. Die Hebammen begleiten die Frauen in einer entscheidenden Lebensphase und werden so frühzeitig auf Sorgen und Nöte der Frauen und Familien aufmerksam. Denn neben der Ansteckungsangst kommen in manchen Familien noch finanzielle Unsicherheiten und der aus Vorsicht vorgenommene Verzicht des Großelternbesuchs hinzu.

„Wenn man der Krise überhaupt irgendetwas Positives abgewinnen kann, dann dass sich aufgrund der Kontaktbeschränkung junge Eltern nicht rechtfertigen müssen, dass sie nach der Geburt ihres Kindes nicht sofort Besuch möchten. Dadurch ist in den Familien mehr Ruhe eingetreten und sie können sich besser in die neue Situation einfinden“, so das Fazit von Frau Wascher-Ociepka.

 

Gerlinde Wascher-Ociepka

Hebamme /MSc Healthcare ManagementSeit 1984 Hebamme, seit 30 Jahren rein freiberuflich tätig in Wittgenstein und Umland

1990 Gründung und Leitung der Hebammenpraxis „Femily-Hebammenbegleitung“

www.femily-hebammen.de